Auf dem hier besprochenen Albm singt - oder besser gesagt seiert - sich ein junger Mann ein ganzes Album lang durch eine Reihe von Tracks und wird dabei von belanglosem Gesäusel und vorhersehbaren Melodien begleitet. Ich habe ehrlich versucht, dieses Album am Stück durchzuhören, aber spätestens nach dem jeweils dritten Track hatte ich entweder vergessen, das überhaupt Musik lief oder war auf dem Klo eingeschlafen. Nichts schlimmes. Pop-Balladen und Lovesongs. Einiges könnte auf eine Kuschelrock-CD passen. Oder im Aufzug laufen. Oder beim Frühstücken. Oder ohne angeschlossene Lautsprecherboxen. Manches ist an Nettigkeit kaum zu übertreffen und süß wie 100 Würfelzucker (v.a. 03. "One" und 02. "Kisses" finde ich klasse).
In Summe durchschnittlich schöne, nette Musik, die links rein und rechts wieder raus geht.
Aber: Insegesamt absolut nichts was besondere Beachtung, Neuigkeitswert oder gar Bezug zum Kosmos "elektronischer Musik" rechtfertigen würde.
Warum wurde das Album nun in nahezu allen "elektronischen" Postillen besprochen und bei manchen gar zur Cover-Story erhoben? Weil hier ein perfekt inszenierter Etikettenschwindel vorliegt, der an Perfidität kaum zu übebieten ist. Natürlich haben wir auch hier mal wieder keinerlei Mühen gescheut und bringen euch
DIE GANZE NACKTE UNGLAUBLICHE WAHRHEIT ÜBER DAS SYSTEM.
Zunächst mal die Basics:
1) Die Musik
Das Problem: Lieder, in denen ein junger Mann voller Pathos vor sich hin jammert und säuselt, kann man auf dem Kommerzradio entweder unter der Rubrik
"Schlager" hören oder
"dem besten der 40er, 50er, 60er, 70er, 80er, 90er und von heute". Sowas würde die gewünschte Underground-Electro-Hipster-Zielgruppe nichtmal mit Sicherheitshandschuhen anfassen.
Die Lösung: Man benutzt in der Promotion das Wort
"Singer-Songwriter", dagegen darf man schon aus political-correctness Gründen nichts haben. Also eine Art
"Fairtrade" Label für Musik, bei dem selbst leichteste Kritik jeden noch so credibilen Zeitungskritiker sofort vom Intellektuelen Underground-Forscher zum Scooter-promotenden Kommerztrance-Proleten degradieren würde.
Und um noch die letzten Zweifler Mundtot zu machen, hilft es, das Wort
"Neo-Folk" zu benutzen. Das ist so eine Art Ausstiegsdroge, damit man selbst als total cooler Minimal-Techno Journalist auf legalem Weg
Musik gut finden darf, die eine Melodie hat und in der jemand singt.
Fast aber das wichtgste ist es, die Musik auf einem Label rauszubringen, dass derzeit einfach alle gut finden müssen. In diesem Fall "Get Physical". Das reicht eigentlich schon. Die Musik muss auch nichts mit dem Output des Labels sonst zu tun haben. Im Gegenteil. Dann kann die Presse sogar voller Bewunderung von "
...überraschener und erfolgreicher Erweiterung des Labelhorizontes..." berichten. Die klasische Win-Win Situation.
2) Der Musiker:
Das Problem: Die Musik selbst ist nun durch 1) erfolgreich in die einschlägigen Elektronik-Magazine befördert worden, aber wie schafft man es jetzt noch auf's Cover?
Die Lösung:
Das ist eigentlich das Leichteste, wenn man
die 6 großen B-Wörter in Bezug auf professionelles Vermarkten als "Ich-bin-ein-verdammt-wichtiger-Protagonist-des-internationalen-Elektronik-Zirkus" beherzigt:
- bestimt männlich
- bleich
- bärtig
- Banlieu-Bohème Attitüde
- brutalstmögliche Ersnthaftigkeit suggerierender Blick
- bis hin zur völigen Humorlosigkeit
Dabei ist es völlig egal, ob der Künstler tatsächlich so ist. Raz Ohara erfüllt sicherlich im wahren Leben keine Einzige dieser Eigenschaften. Er muss auf den Pressefotos nur so aussehen. Das reicht schon.
Wenn sagen wir mal,
Florian Silbereisen das alles auch machen würde,
wäre eine De-Bug Titelstory endlich auch für Ihn kein Problem mehr...
Damit ist auch dann auch die Frage gelöst, um wen es sich bei dem "odd Orchestra" handelt, dass im Albumtitel vorkommt:
Das 26 köpfige Orchester des Promotion-Teams!
Hört, hört!